Rede von Jasmin Tabatabai für ein Nein im Volksentscheid, für die Schließung Tegels

20170919-18-09-54.jpg

Liebe Freunde, liebe Berliner, liebe Berlinerinnen,

seit 2005 wohne ich mit meiner Familie in Pankow-Niederschönhausen. Und wie viele andere liege ich zurzeit oft nächtens wach. Nicht nur wegen der Flieger, die selbst zu nachtschlafender Zeit über meinen Kopf hinwegdonnern, sondern auch aus Sorge und Ärger.

Ich ärgere mich, dass ich in die Situation gebracht worden bin, mir überlegen zu müssen, ob ich es meiner Familie gegenüber verantworten kann, hier wohnen zu bleiben, sollte dieser Volksentscheid dazu führen, dass Tegel dauerhaft offengehalten wird. Seit fünf Jahren warten wir sehnlichst und geduldig darauf, dass dieser höllische Fluglärm, der Tag für Tag und Nacht für Nacht über uns hinwegzieht, endlich aufhört. Immer wieder wurden wir vertröstet, während der Flugverkehr Jahr für Jahr anstieg; immer unerträglicher wurde die Situation für uns alle. Und nun bekommen wir, als Quittung für unsere Geduld, in Aussicht gestellt, dass dies ewig so weitergehen soll.

„Dann zieh doch weg“, lese ich im Internet, „bist doch selber schuld: Erst in die Einflugschneise ziehen und dann jammern!“ Als habe es niemals eine klare Ansage, ja Verträge und von Gerichten bestätigte Beschlüsse gegeben. Als sei niemals das klare Versprechen gegeben worden, dass der Flughafen Tegel nach der Inbetriebnahme des BER schließen werde ‒ eine Rechtslage, auf die sich zigtausend (meist junge) Familien verlassen haben und nach der sie ihre Lebensplanung gestaltet haben. Als sei es das Normalste auf der Welt, dass man ein Versprechen bricht, Recht und Gesetz übergeht und die Pankower, Weddinger, Spandauer und Reinickendorfer verhöhnt, die immer schon hier gelebt haben, die die große Mehrheit der Anwohner darstellen und denen man seit zwanzig Jahren Ruhe verspricht, die nicht eintritt.

Das macht mich unfassbar wütend. Und ich frage mich: Wenn wir das durchgehen lassen, wenn die Politik in dieser Frage einknickt ‒ was sagt das aus über das Land, in dem wir leben? Sind Verträge, gefasste Beschlüsse, ist das gegebene Wort bereits dann nichts mehr wert, wenn es um nichts anderes als populistischen Stimmenfang geht?

Denn der ist es doch letztlich, weswegen dieser ganze Zinnober stattfindet. Ich finde es unerträglich, dass eine verantwortungslose Partei den Leuten vorgaukelt, sie könnten hier ganz schnell und einfach mit einem Kreuzchen etwas entscheiden, während sogar jene Rechtsexperten, die einer Offenhaltung nicht abgeneigt sind, eine satte Viertelstunde brauchen, um zu erklären, wie eine solche „rein theoretisch vielleicht nicht ganz unmöglich sein könnte“; von finanziellen Aspekten und Sicherheitsproblemen mal ganz abgesehen. Ist es das, was wir für die Zukunft unserer Stadt wollen? Jahrelanger Rechtsstreit? Ein milliardenschweres Sanierungsprojekt? Wütende, geprellte Anwohner, die auf die Barrikaden gehen?

Ich glaube, kaum einer derjenigen, die so leichtfertig sagen, der gute alte Tegel sei doch so praktisch und so schön nah, hat wirklich eine Vorstellung davon, was dieser anachronistische Flughafen für uns Anwohner bedeutet. Bis jetzt waren jedenfalls alle meine Freunde, die mich hier besucht und vor Ort die Situation miterlebt haben, sprachlos über die Intensität des Fluglärms, dem sie plötzlich ausgesetzt waren: „Das ist der Fluglärm von Tegel? So laut ist das? Ich hab gedacht, da kommt gleich einer runter!“ Und wenn ich ihnen dann erzähle, dass dieser Krach regelmäßig bis weit nach Mitternacht geht, ja, dass auch nach Mitternacht noch jede Nacht mindestens drei, vier Flieger kommen und gehen, dass das Ganze pünktlich morgens um sechs wieder anfängt und dass sich die Anzahl der Flüge in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat ‒ dann wissen meine Besucher ganz schnell, wo sie bei diesem Entscheid ihr Kreuz machen werden.

Zweieinhalb Minuten fliegt ein Flugzeug im Landeanflug auf Tegel über dicht besiedeltes Wohngebiet. Zweieinhalb Minuten im Tiefflug über die Köpfe von 300.000 Menschen. Kaum irgendwo in Europa, dürften wohl so viele Menschen solch einem massiven Fluglärm ausgesetzt sein. Menschen, die arbeiten gehen, um ihr Leben zu bestreiten und Steuern zu zahlen, und die nach getaner Arbeit einfach nur nach Hause und dort zur Ruhe kommen wollen ‒ und müssen! Denn was bedeutet ein Zuhause sonst außer Ruhe, Geborgenheit, Erholung? Menschen, die ihre Fenster aufmachen wollen, um Luft zu bekommen, ohne dabei infernalischen Krachintervallen ausgesetzt zu sein. Hier wohnen Familien mit Kindern, die ihren Schlaf brauchen, um ausgeruht vernünftig in der Schule lernen zu können. Kinder, die mit ihren Freunden auf den Spielplätzen spielen sollten, ohne sich dabei anzuschreien.

Berliner und Berlinerinnen: Lasst euch nicht von Lobbyisten und Populisten missbrauchen! Dies ist unsere Stadt! Hier wohnen Familien! Und wir wollen doch, dass hier Familien wohnen und Berlin nicht zu einem Disneyland für Touristen wird, die über Airbnb für ein paar Tage hier einfallen und die es natürlich total praktisch finden, dass der Weg vom Airport zum billigen Besäufnis so schön kurz ist …

Wir Berliner müssen aufeinander achtgeben! Wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Familien, unseren Kindern gut geht – und zwar überall! Das ist unsere Stadt! Das ist unser Himmel! Das ist unsere Luft! Wir müssen uns nicht gefallen lassen, dass im Interesse von Lobbyisten unnötig viel Dreck und Lärm über der Stadt verbreitet wird und dass man uns in dieser Frage spaltet und gegeneinander ausspielt. Wir Berliner müssen aufeinander aufpassen. Nicht nur, wenn es um die Schließung des Flughafens Tegel geht – aber dort als Allernächstes.

Darum bitte ich euch alle: Wählt NEIN beim Volksentscheid.